Ein gesundes Innenraumklima in Häusern wird für das Wohlbefinden der Bewohner immer wichtiger. Denn die Gebäudehüllen sind immer dichter und der Austausch der Luft geringer. Das bedeutet, dass die Baustoffe sorgfältig ausgewählt werden müssen.
In den kalten Monaten verbringen wir viel Zeit in Innenräumen. Dabei kann unser Wohlbefinden durch Wohngifte teils erheblich gestört werden: Neben dem Zigarettenrauch verursachen vor allem die Ausdünstungen aus Baustoffen und Möbeln Probleme. Umso mehr, als aus energetischen Gründen immer dichtere Häuser gebaut werden. Der Luftaustausch ist gering, und ohne häufiges Lüften können sich Schadstoffe anreichern. „Selbst mechanische Komfortlüftungen sind kein Garant für schadstoffarme Räume“, warnt der Zürcher Umweltchemiker Reto Coutalides.
Allgegenwärtig – Formaldehyd
Trotz neuer, guter Produkte auf dem Baustoffmarkt ist die Gefahr von Schadstoffbelastungen in den Wohnungen keineswegs gebannt. Typische Schadstoffe, die das Innenraumklima beeinträchtigen, sind flüchtige organische Verbindungen (sog. VOC), hauptsächlich Lösemittel. Sie finden sich etwa in Farben, Lacken oder Klebern. Zu den flüchtigen Verbindungen gehört auch Formaldehyd, eine vielseitig einsetzbare Substanz. Sie kommt meistens in Klebern zur Herstellung verleimter Holzwerkstoffe (Span-, OSB-, MDF- oder Sperrholzplatten) zum Einsatz.
Wegen Schadstoffalarms musste Ende 2006 ein Sekundarschulhaus bei Frauenfeld, zwei Jahre nach Eröffnung, geschlossen werden, da Schüler und Lehrkräfte über Kopfweh, Augen- und Schleimhautreizungen klagten. Tests ergaben einen viel zu hohen Formaldehydgehalt der Raumluft. Als Quelle wurden Dreischichtplatten an Wänden und Decken eruiert, die nachträglich zur Schalldämpfung ausbohrt wurden. Die Löcher hatten eine starke vergrösserte Oberfläche zur Folge, was die Ausdünstung von Formaldehyd begünstigte. Die Sanierung kam auf weit über eine halbe Million zu stehen. Erstaunlich: Soeben ist ein weiterer Fall eines Schulhausneubaus bekannt geworden, bei dem ein überhöhter Formaldehydwert gemessen wurde. „Die Verantwortlichen haben offenbar noch immer nichts dazugelernt“, ärgert sich Reto Coutalides.
Schlechte Verarbeitung
„Hohe Formaldehyd-Konzentrationen ergeben sich oft, wenn im Verhältnis zum Raumvolumen grosse Flächen an Holzwerkstoffen eingebaut sind“, sagt Baubiologe SIB und Architekt Christoph Lehmann. Der Austritt des Schadstoffes wird durch Wärme gefördert, etwa an Heizungen oder durch Sonneneinstrahlung. Der Markt bietet zwar (etwas teurere) Holzwerkstoffplatten mit wasserfesten oder formaldehydfreien Leim an. „Aber die beste Platte nützt nichts, wenn sie der Schreiner mit zu viel und schlechtem Leim furniert“, mahnt Lehmann.
Nicht nur die Wahl der Baustoffe ist also wichtig, sondern auch die Verarbeitung. Dies musste jüngst eine Zürcher Baugenossenschaft erfahren, deren Geschäftsräume mit einem neuen, dunkel geräucherten Eichenparkett ausgestattet wurden. Nach dem Bezug der Büros bekamen viele Angestellte Augenbrennen, Kopfschmerzen, Schwindel und Atemnot. Messungen ergaben eine viel zu hohen Lösungsmittelkonzentration. Als Ursache wird die Kombination verschiedener Stoffe (Kleber, Bindemittel, Öl) vermutet. In der Folge mussten sämtliche Böden und Decken herausgerissen werden.
Möglicherweise wurde das Material viel zu schnell verarbeitet – eine Situation, die heute im Bau häufig anzutreffen ist, da der Termindruck enorm ist. Weil die Baumaterialien nicht mehr genug austrocknen können, werden die Prozesse mit Bauchemie beschleunigt. „In den ersten Wochen nach Fertigstellung ist die Schadstoffbelastung am grössten“, stellt Roger Waeber, Leiter Fachstelle Wohngifte im Bundesamt für Gesundheit, BAG, fest. „Im Prinzip sollten diese Räume zuerst auslüften können“. Für Innenraumluft gibt es nur einen Richtwert, der besagt, dass ein Kubikmeter Raumluft höchstens 125 Mikrogramm Formaldehyd enthalten darf (entspricht 01 ppm).
Baubegleitung
„Wer wirklich sicher sein will, dass am Bau sauber gearbeitet wird, kommt um eine Baustellenbegleitung nicht herum“, stellt Umweltchemiker Coutalides fest. Private und öffentliche Auftraggeber haben begonnen, ihre Bauten nach dem neuen Baustandard „Minergie-eco“ ausführen zu lassen, wo neben guter Energiebilanz auch die Bauökologie eine Rolle spielt. In Sachen Innenraumklima hat sich die Stadt Zürich schweizweit zu einer Vorreiterin entwickelt. Das Amt für Hochbauten, das jährlich Bauprojekte von über 400 Millionen Franken in Auftrag gibt, führt seit drei Jahren konsequent Baustellenchecks während der Bauausführung ein. Dabei wird geprüft, ob die Auflagen der Materialliste zur Verwendung unbedenklicher Baustoffe erfüllt sind. Und nach der Fertigstellung gibt es Abschlussmessungen flüchtiger Stoffe in der Raumluft von Innenräumen.

