«Wir kommen aus den Sommerferien zurück in unser Eigenheim und erkennen sofort: der Nachbar hat Visiere aufgestellt – direkt vor unserem Wohnzimmerfenster! Er hatte gar nichts erwähnt. Wir hatten doch noch zusammen grilliert.»
Versetzen Sie sich in obige Situation: Sie läuten am Folgetag an Nachbars Tür und erfahren, dass der ausgesteckte Platz der beste für das lange ersehnte Gartenhäuschen sein soll. Sie können den Wunsch nach Stauraum nachvollziehen, aber gleich hier? Das Gespräch gerät ins Stocken, es endet in unschönen Worten, man geht mit schlechtem Gefühl auseinander. Das Projekt entwickelt sich zum Problem und in den Folgewochen zum Konflikt. Es fallen wüste Beschimpfungen. Beide Familien bedauern, dass die gute Nachbarschaft beendet ist. Eine Lösung scheint es nicht zu geben. Was nun? Hier könnten einige Abklärungen getroffen und der Rechtsweg beschritten werden. Das Risiko allerdings, dass das nachbarschaftliche Verhältnis dauerhaft leidet, das Verfahren unbestimmte Chancen hat und erst noch hohe Kosten verursachen könnte, lässt zögern.
Für diesen Konflikt kann Mediation eine Chance sein. Der Mediator/die Mediatorin führt die Parteien durch einen Klärungsprozess. Zentral dabei sind die Bedürfnisse und Interessen der Parteien. Diese sind oft von scheinbar unverrückbaren Positionen überdeckt und können nicht mehr gesehen werden. Mediation ist ein wirkungsvolles Verfahren in Konflikten.
Wo stehen Sie unterdessen mit Ihrem Nachbarn? Sie haben sich gemeinsam für eine Mediation entschieden und in drei Sitzungen eine Lösung gefunden. Weil auch für Sie mehr Platz nützlich wäre, haben Sie sich darauf geeinigt, gemeinsam ein Doppelhäuschen auf die Grenze zu stellen. Es gab nach gründlichem Überlegen eine Alternative zum Platz vor dem Wohnzimmer. Auf diese Variante wären Sie ohne eine neutrale Drittperson nicht gekommen. Die Sitzungen haben ermöglicht, die allseitigen Bedürfnisse herauszuarbeiten und nach einer für alle stimmigen Lösung zu suchen. Sie haben diese selber erarbeitet, die Mediationsperson hat die Sitzungen strukturiert und geleitet. Die rechtlichen Voraussetzungen haben Sie mit Ihrem Nachbarn gemeinsam abgeklärt. Der Kostenverteiler steht. Am Samstag wird gemeinsam grilliert.

Elisabeth Rietmann
Mediatorin
Aus «casanostra» 153


