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«Die heutigen Fenster sind Maschinen»

Fenster haben eine Lebensdauer von zwanzig bis vierzig Jahren. Wer sie ersetzen will, tut gut daran, frühzeitig einen Architekten oder eine Bauphysikerin beizuziehen. Sonst droht möglicherweise ein Scherbenhaufen.

Mit dem Thema «Fenster ersetzen» hat die Redaktion von casanostra voll ins Schwarze getroffen. Wir haben unsere Leserinnen und Leser gebeten, für diesen Artikel eigene Ideen und Erfahrungen beizusteuern, und so viele Rückmeldungen erhalten wie noch nie.

Auch beim Beratungsteam des Hausvereins gehen häufig Anfragen zu diesem Thema ein. «Leider oft zu spät», sagt Michael Graf, Architekt und Berater beim Hausverein Zürich. «Die Leute rufen uns an, weil nach dem Einbau neuer Fenster plötzlich Schimmel in der Wohnung auftritt, oder weil die Schlussrechnung höher ausfällt als die Unternehmerofferte.»

Hausbesitzern, die ihre Fenster renovieren oder ersetzen möchten, empfiehlt er, einen Architekten hinzuzuziehen. Offerten, die ein Architekt einhole, seien etwa 10 bis 15 Prozent günstiger, zudem erhalte die Bauherrschaft Unterstützung beim Aufsetzen des Vertrages, bei der Materialwahl oder baulichen Abklärungen. «Der technische Fortschritt beim Fensterbau ist derart rasant verlaufen, dass man beim Fensterersatz immer das ganze Gebäude im Auge behalten muss», erklärt Graf. Hannes Heuberger, Baubiologe, Architekt und Berater beim Hausverein Mittelland, pflichtet ihm bei. «Die heutigen Fenster sind wahre Maschinen. Das beeinflusst das gesamte Raumklima.» Auch er hält es für ratsam, beim Fensterersatz eine Architektin oder einen Bauphysiker zu kontaktieren.

Fassadendämmung und Fensterersatz kombinieren

Moderne Fenster halten den Lärm besser ab und reduzieren den Wärmeverlust. Eine Zweifachverglasung, die den heutigen Vorschriften entspricht, lässt nur noch halb so viel Energie entweichen wie eine Zweifachverglasung vor zwanzig Jahren. Bei einem Einfamilienhaus mit 40 m² Fensterfläche entspricht das einer Ersparnis von über 500 Litern Heizöl pro Jahr. Eine Dreifachverglasung spart sogar 700 Liter.

Auch die Rahmen sind in Bezug auf den Wärmeverlust leistungsfähiger geworden und verhindern unangenehmen Durchzug. Dieser Positiveffekt kann allerdings auch Nachteile mit sich bringen. So gelangt weniger frische Aussenluft in die Wohnung und die Luftfeuchtigkeit steigt. Wird dieses Wasser nicht abgeführt, kondensiert es an den kühlsten Stellen von Wänden und Scheiben. Das begünstigt die Schimmelbildung. «Deshalb ist es sinnvoll, beim Einbau von neuen Fenstern auch die Fassade zu renovieren und einen guten Luftaustausch sicherzustellen», erklärt Heuberger.

«Mit einer guten Baubiologie kann man der Schimmelproblematik gut Herr werden.»

Es gibt noch weitere Gründe, weshalb man die Fassadendämmung gleichzeitig anpacken sollte. Michael Graf nennt als Beispiel Häuser aus den 60erund 70er-Jahren, die häufig mit innenliegenden Rollladenkästen versehen sind. Dort entweicht viel Wärme. «Es bringt wenig, hochwertige Fenster einzusetzen, wenn man diese Schwachstelle ignoriert.» Wenn eine zeitgleiche Renovation finanziell nicht drinliegt oder steuerliche Nachteile mit sich bringt, dann sollte man beim Fensterersatz zumindest das Konzept für die künftige Dämmung bereits festlegen. Denn es wäre schade, mehrere 10 000 Franken für neue Fenster auszugeben, wenn diese eine optimale und ästhetisch ansprechende Isolation des Hauses verunmöglichen. Graf: «Mit vorausschauender Planung lassen sich Kältebrücken vermeiden.» Zudem verhindere man, dass nachträglich angebrachte Dämmelemente den Lichteinfall der neuen Fenster beeinträchtigen. «Idealerweise sollte die Fassadenrenovation aber möglichst rasch erfolgen.»

Schimmel vorbeugen

Nach Rezepten gegen Schimmel gefragt, betont Heuberger ganz klar: «Mit einer guten Baubiologie kann man dieser Problematik gut Herr werden.» Zusätzlich gibt es auch zahlreiche technische Möglichkeiten. Sei es, indem das Haus mit einer Komfortlüftung ausgerüstet wird oder indem man Fenstermodelle mit eingebauter Lüftung wählt. Manchmal hilft es jedoch bereits, eine schimmelgefährdete Innenwand mit einem Lehm- oder Sumpfkalkputz zu versehen.

Auch bei der Wahl des Anstrichs ist Vorsicht geboten: Kalk- oder Kalksilikatfarben nehmen Feuchtigket besser auf als Dispersion oder Kunstharz. Holz wirkt ebenfalls feuchtigkeitsregulierend. Heuberger: «Es lohnt sich, einen lackierten Parkett abzuschleifen und einzuölen.»

Einen gewichtigen Einfluss auf die Raumfeuchtigkeit hat das Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner. Graf fasst die wichtigsten Punkte zusammen: «Wäsche aufhängen in der Wohnung ist tabu, und beim Duschen gilt: Türe zu, Fenster auf! Zudem sollte man dreimal täglich lüften.»

Doch für Graf ist klar: Für berufstätige Menschen ist dies kaum machbar. In solchen Fällen könne der Einbau eines Abluftventilators im Bad Abhilfe schaffen und in der Küche sollte man anstelle von Umlufthauben einen Dampfabzug installieren. Graf: «Manchmal lohnt es sich auch, sogenannte Einzelraumlüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung anzuschaffen. Kostenpunkt von günstigeren Modellen: rund 1500 Franken.»

Renovationsfenster und Ersatz von Dichtungen

Mehrere Leser haben uns darauf hingewiesen, dass sie bei ihren alten Fenstern einfach die Gummidichtungen ersetzt und damit gute Erfahrungen gemacht hätten. Heuberger und Graf stehen dieser Lösung eher skeptisch gegenüber: «Neue Lippendichtungen erhöhen zwar die Wind- und Schalldichte, aber das schlecht isolierende Glas bleibt.» Mit neuen Gläsern, die weniger abkühlen, werde ein Raum behaglicher. Doch als Not- oder Zwischenlösung sei sicherlich nichts gegen diese Methode einzuwenden.

Auch von sogenannten Renovationsfenstern, bei denen der alte Rahmen ganz oder teilweise erhalten bleibt, raten die beiden eher ab, da alte Rahmen oft weniger dicht sind. Als Ausnahme nennen sie Badezimmerfenster, bei denen die Plättli durch einen neuen Rahmen beschädigt würden, oder Fenster mit schützenswerten Bauteilen – etwa ein Fensterbrett mit dekorativen Schlitzen für die Heizung.

Denkmalschutz und Förderbeiträge

Der Einbau von neuen Fenstern wird übrigens von Bund und Kanton unterstützt. Mittlerweile sind jedoch nur noch in ganz wenigen Kantonen – etwa im Thurgau – Beiträge für den Fensterersatz allein erhältlich. Das Gebäudeprogramm des Bundes unterstützt Liegenschaftsbesitzer ebenfalls nur, wenn sie gleichzeitig die umgebende Fassaden- oder Dachfläche sanieren. Der Beitrag beträgt 30 Franken pro Quadratmeter.

«Man sollte Fenster und Fassade gleichzeitig renovieren.»

Auch beim Denkmalschutz sind Zuschüsse erhältlich, wenn alte Fenster stilgerecht ersetzt werden. «In der Schweiz gibt es ein paar Fensterbauer, die diesbezüglich sehr gute Arbeit leisten», sagen Graf und Heuberger unisono. Günstig werden solche Fenster allerdings nicht. «Aber es lohnt sich – ästhethisch und energetisch!», würde Hausvereinsmitglied Irène Minder-Jeanneret aus Liebefeld einwerfen. Die neuen Fenster ihres Hauses in der Gartenstadt Liebefeld Köniz (Wakkerpreis 2012) sind derart gelungen, dass sie sogar als Vorbild für die Bundeshausrenovation dienten.

Mirella Wepf

Mirella Wepf

Aus «casanostra» 137

casanostra 137 - September 2016

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