Die Architektin Monika Mutti-Schaltegger in Mosnang hat sich 2004 ihren Traum vom energiearmen und gesunden Wohnhaus in Mosnang verwirklicht. Jetzt steht das Haus zum Verkauf, da es der Architektin zu gross geworden ist. Ein guter Moment, Bilanz zu ziehen: Hat sich der ökologische Mehraufwand beim Bauen auch finanziell gelohnt?
Der achteckige Bau ist unschwer zu übersehen; er sticht aus dem Ortsbild von Mosnang heraus. Seit einigen Monaten steht das Haus leer, es ist zum Verkauf ausgeschrieben, was eine gute Gelegenheit für einen Besuch bietet. Was beim ersten Augenschein auffällt: Auch nach 21 Jahren zeigt das Haus äusserlich kaum Witterungsspuren. Das wird sich später auch beim Rundgang im Innern zeigen. Im ganzen Haus kamen ausgewählte Baustoffe zum Einsatz, etwa das Mondholz für die Fassaden- und Dachkonstruktion, der massive Eichenholzboden und die Lehmwände in den Wohnräumen, die Fenster, das Dach aus Titanzink oder die Markisen.
«Ich bekomme oft die Rückmeldung von Besuchern, die sagen, mein Haus sei etwas anders.» Der Eindruck trüge nicht, meint Monika Mutti-Schaltegger. «Ich wollte ein Haus bauen, in dem ich mich rundweg wohl fühle – beim Wohnen, bei der Arbeit, in der Freizeit.» Energiearm und naturnah. Folgerichtig seien nur gesunde Baumaterialien in Frage gekommen, «und kein technischer Klimbim, der Energie braucht.» Monika Mutti-Schaltegger ist vielen Casafair-Mitgliedern vertraut als kompetente Bauberaterin, nicht nur in der Ostschweiz.
Pionierbau gibt zu reden
Ihr Niedrigenergiehaus mit der anthrazitfarbenen Schieferfassade machte 2004 über die Landesgrenzen hinaus Furore. Die deutsche Presse berichtete, und selbst aus Japan reisten Interessierte an. Kein Wunder: Der Bau an der Schulstrasse 5a war der Zeit voraus; es war seinerzeit eines der ersten Ökohäuser in der Schweiz. Damals, Anfang der Nullerjahre, war die Branche stolz auf den neuen, staatlich anerkannten Minergie-P-Standard mit Komfortlüftung. Derweil die Bauherrin und Architektin Monika Mutti-Schaltegger eigene Wege zum energiearmen Haus ging – und prompt als Architektin nicht ganz ernst genommen wurde. Darüber mag sie heute lachen. «Die Minergiewelt war weitgehend männlich geprägt, technik- und kommerzorientiert. Anderslautende Konzepte waren suspekt.» Das Ziel der Architektin war klar: «Lüftung und Heizung sollen dank innovativer Low Tech so einfach wie möglich sein.»
Thermodynamische Lüftung
Ein zentraler Baustein der Haustechnik bildet die thermodynamische Lüftung. Statt der vielgepriesenen Komfortlüftung kam in Mutti-Schalteggers Haus das Prinzip der sogenannten Venturus-Lüftung zur Anwendung. Dieser Effekt funktioniert rein strömungsmechanisch, ohne Energieaufwand: Verbrauchte Wohnluft steigt durch Schlitze in den heruntergehängten Decken zum Dachgiebel hoch. Dort strömt die Abluft über sich verengende Kanäle einer Öffnung im abgeflachten First zu, wo sie vom darüber streichenden Wind abgesogen wird. Der so entstehende, leichte Unterdruck wird durch Frischluft ausgeglichen, die über Ventile in den Gummidichtungen der Fensterrahmen nachströmt. Dass das Prinzip funktioniert, spürt der Besucher daran, dass die Luft beim Betreten des Hauses nicht abgestanden ist. Etwas Hauswärme geht beim Luftaustausch zwar verloren; dennoch liegt die Innentemperatur konstant bei 20 Grad. Dies wird erreicht, indem Wärme in einem durchgehenden Hohlraum hinter der Innenbeplankung, die Böden und Decken nicht berührt, zirkulieren kann. Damit kühlt auch die Innenseite der Aussenwand nicht ab, was den ganzen Wärmebedarf des Hauses senkt.
«Im Vergleich mit einer Komfortlüftung hat der Venturus- Effekt den grossen Vorteil, dass keinerlei Stromkosten wie bei der kontrollierten Lüftung entstehen», sagt Monika Mutti-Schaltegger. Nach ihrer Beobachtung ist die Wärmerückgewinnung bei der Komfortlüftung mit einem «unverhältnismässig grossen Energieaufwand» verbunden. Bei der Venturus-Lüftung werde die Reinigung von Rohren und Filtern überflüssig; zudem entfalle der periodisch fällige Ersatz des Komfortlüftungs-Aggregats.
Heizwärme aus verschiedenen Quellen
2004 war der Bau von Monika Mutti-Schaltegger als «Haus ohne Heizung» angekündigt worden. Hat sich das kühne Vorhaben bewahrheitet? Bei der Heizwärme sei das zumindest anfänglich gelungen, sagt die Architektin. Der Heizwärmebedarf des Hauses wird aus verschiedenen Quellen gedeckt: Einerseits durch Fernwärme von einer Stückholzheizung im Nachbarhaus. Damit wurden die dünnen Warmwasserrohre in den raumhohen Lehmwänden mit Warmwasser aus der Fernheizung versorgt. Für wohlige Zusatzwärme sorgt ein Schwedenofen in der Wohnstube. Weitere Wärmequellen bilden die Prozesswärme von Geräten und Beleuchtung sowie die Eigenwärme der Hausbewohner. Ein Mensch gibt im Ruhezustand kontinuierlich 80 Watt ab. Durch Veränderungen in der Bewohnerschaft in den letzten paar Jahren fiel diese Wärmequelle weg: Das mehrköpfige Architekturbüro von Mutti-Schaltegger ist in ein nahe gelegenes Gebäude umgezogen; auch sie selber und ihr Sohn sind ausgezogen. Auch das Töpferstudio im Untergeschoss hat seinen Betrieb eingestellt. Mit der Abwärme des Keramikofens, der zum Brennen von Tongefässen betrieben wurde, konnte ein Wärmepumpenboiler das Warmwasser aufbereiten.
Besser als Minergie-P
Die Heizkosten für das Haus betrugen im Durchschnitt der letzten Jahre 1550 Franken, darin eingerechnet 1,5 Ster Brennholz für den Schwedenofen. Der Jahres-Heizwärmebedarf der 411 Quadratmeter grossen Energiebezugsfläche liegt bei knapp 16 500 kWh, was etwa 40 kWh pro Quadratmeter entspricht. «Dieser Wert war bereits 2003 besser als Minergie- P und entspricht praktisch dem heutigen Standard von Minergie », erklärt die Architektin. Eine PV-Solaranlage wurde seinerzeit aus Kostengründen und aufgrund der Dachform aufgeschoben, kann aber jederzeit nachgebaut werden. Aktuell besteht eine Option für Balkonpaneele.
Schieferfassade rechnet sich
Wie steht es bei den Kosten für die Schieferfassade? Die robusten Schiefertafeln sind zwar zunächst doppelt so teuer wie eine verputzte und gestrichene Fassade. Ihr grosser Vorteil: sie vermoosen nicht. Eine verputzte Fassade muss im Durchschnitt alle 20 Jahre saniert werden, was Kosten von rund 30 000 Franken für Gerüstaufbau, Farbe und Arbeit verursacht. Damit ist der Mehrpreis einer Schieferfassade im Vergleich zu einer verputzten Fassade schon nach 20 Jahren wettgemacht. «Von Anfang war es das Ziel, Sanierungen möglichst unnötig zu machen, indem nachhaltige Baustoffe ausgewählt wurden», sagt Mutti-Schaltegger.
Gesundes Wohnklima
Dazu passt auch die Wahl von Fichten-Mondholz für die fünfschichtige Fassadenkonstruktion, die weitgehend mit Buchenholzdübeln verschraubt wurde. Die Fichten werden im Winter bei bestimmten Mondphasen geschlagen, wenn das Holz optimal trocken ist. Der Baustoff Holz erweist sich in Zeiten der Klimaerwärmung als besonders vorteilhaft: Dank der Holzfassade kann nur wenig Sommerhitze ins Hausinnere gelangen. Das liegt an der trägen Phasenverschiebung einer Holzfassade von 15 Stunden. «Geht die Temperatur im Sommer beispielsweise nachts auf 14 Grad zurück, so spüre ich die Kühle tagsüber angenehm im ganzen Haus,» sagt Monika Mutti-Schaltegger. Umgekehrt ist die Sommerhitze von 30 Grad erst in den frühen Morgenstunden im Haus spürbar. Natürlich strömen Kühle beziehungsweise Hitze nur zu Bruchteilen ins Haus. Das ist der guten Pufferwirkung der 35 Zentimeter dicken Holzfassade zu verdanken. Sie weist einen niedrigen U-Wert von gerade mal 0,15 W/m2 K (Watt pro Quadratmeter Kelvin) auf. Je kleiner der U-Wert, desto besser ist die Isolationseigenschaft des Materials. Der Zufall wollte es, dass das Jahr 2003 vor Baubeginn das wärmste je gemessene Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war.
Isolation mit Naturhanfmatten
Bei der Fassadendämmung setzte die Architektin Naturhanfmatten zur Isolation ein. Die 18 Zentimeter dicken Matten verfügen über einen natürlichen Gerbstoff, der sie vor Insektenbefall schützt. Holz in Kombination mit einer Hanfdämmung ist ein idealer Klimapuffer; beide Materialien wirken feuchtigkeitsregulierend und sorgen für ein angenehmes Raumklima. Die Luftfeuchtigkeit liegt im Haus immer zwischen 50 bis 55 Prozent, auch im Winter.
Nachhaltige Baustoffe
Viele Materialien entsprachen dem 2004 eingeführten naturplus- Label des WWF für Baustoffe wie Dämmmaterial, Farben oder Lacke. Die Materialien haben sich in den 21 Jahren alle bewährt. Eine leichte Ernüchterung verursachte der verwendete Recyclingbeton in den Aussenwänden der Töpferei und der Kellerdecke: Der Misapor-Beton wurde nach Erkenntnissen von Monika Mutti-Schaltegger beim Einbau zu stark verdichtet, was bewirkte, dass die Luft aus dem geschäumten Altglas im Beton teilweise entwichen ist. Dadurch reduzierte sich der Dämmfaktor der 50 cm dicken Isolationsbetondecke im Untergeschoss. Daher sind die Heizkosten etwas höher als geplant. Aus Brandschutzgründen ebenfalls aus Beton ist der Hauskern samt Installationsschacht für die Steigzonen.
Mehrkosten rechnen sich
Ist die Rechnung aufgegangen? «Durch die Wahl hochwertiger Baustoffe ergaben sich Mehrkosten von zirka zehn Prozent oder 130 000 Franken. Dieser Betrag wird sich allerdings durch die Qualität der Materialien auf die Dauer kostensenkend auswirken.» Das Haus ist mittlerweile über 21 Jahre alt. «Die vor dem Bau formulierten Erwartungen zur Wohnqualität haben sich mehr als erfüllt», sagt Mutti-Schaltegger. Nicht in Zahlen ausdrücken lasse sich der emotionale Stellenwert, den das Haus für die Bewohner hat, betont sie. Dazu gehört auch das Feinstoffliche, die Feng-Shui-Prinzipien, die in den Bau eingeflossen sind. Diese kommen bei der Wahl der Farben im Hausinnern, in der Ausrichtung der Haustüre nach Nordosten und in der daraus resultierenden achteckigen Form des Grundstücks zum Ausdruck.


