Die starke Ausbreitung gebietsfremder Pflanzen und Tiere verursacht grosse wirtschaftliche, ökologische und gesundheitliche Schäden. Um diese zu vermeiden, ist ein umfassendes und anpassungsfähiges Management nötig.
Einjähriges Berufkraut und Nordamerikanische Goldruten säumen gerne Fusswege und verleihen diesen durch ihre weissen und gelben Blüten einen malerischen Anstrich. Der mächtige Riesenbärenklau am Waldrand imponiert und Sommerflieder bereitet Freude, besuchen doch unzählige Schmetterlinge seine violetten Blüten. Doch sie alle gehören zu den invasiven Neophyten, welche die einheimische Pflanzenvielfalt durch ihre starke Ausbreitung bedrohen.
Die eingeführten Pflanzen verursachen Probleme in landwirtschaftlich genutzten Flächen und gefährden die Gesundheit der Bevölkerung. Quaggamuscheln und Asiatische Hornissen zählen zu den bekanntesten Tieren, welche sich ausserhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets durch menschliche Aktivitäten angesiedelt haben. Sie werden Neozoen genannt und beeinträchtigen – wie die Neophyten – Ökosysteme und bewirken erhebliche Schäden an Infrastrukturen. Invasive Neobiota, der Sammelbegriff für Neozoen und Neophyten, verursachten gemäss Schätzungen weltweit jährliche Kosten von mehr als 423 Milliarden Dollar. Basierend auf Schätzungen für den EU-Raum, leitet das Bundesamt für Umwelt (BAFU) für die Schweiz jährliche Kosten von rund 170 Millionen Franken ab, von denen ungefähr drei Viertel auf Schäden und ein Viertel auf Bekämpfungsmassnahmen entfallen.
Früh handeln verhindert unnötige Kosten
Da invasive Neobiota dazu neigen, sich nach einer zögerlichen, linearen Anfangsphase exponentiell zu vermehren, ist bei ihrer Bekämpfung frühzeitiges Handeln angesagt. Wird die anfängliche Besiedlungsphase verpasst, kommt es zu einem deutlich höherem Aufwand in den Folgejahren und damit verbunden zu vermeidbaren Mehrkosten. In der ganzen Schweiz ist dies ein Thema, der Kanton Aargau gehört zurzeit zu den aktivsten Kantonen bezüglich dieser Thematik. Die kürzlich vom Aargauer Regierungsrat verabschiedeten Strategie «Invasive Neobiota 2025+» geht auf neue invasive Arten, neu betroffene Lebensräume und die veränderten Anforderungen in der Umsetzung verschiedener Massnahmen ein.
«Da viele Arten bereits fest etabliert sind, ist eine vollständige Lösung des Neobiota-Problems nicht möglich», sagt Belinda Biesuz, Projektleiterin Neobiota beim Kanton Aargau. Stattdessen geht es im Neobiotamanagement darum, Risiken und Schäden gezielt zu begrenzen. «Die neu erarbeitete Strategie setzt sich deshalb als übergeordnetes Ziel, Schutzgüter möglichst effizient vor Schäden durch invasive Neobiota zu bewahren», führt sie aus. Im Hinblick auf dieses übergeordnete Ziel definiert die Strategie neu vier Grundsätze für das Neophytenmanagement. Dabei liegt der Fokus auf Prävention, Früherkennung, frühzeitiger Bekämpfung und ein anpassungsfähiges Management.
Zum Anpacken motivieren
Damit klar ist, wie mit dieser Herausforderung umgegangen werden soll, hat der Aargau im ersten Grundsatz der Strategie geeignete Rahmenbedingungen geschaffen. Diese werden laufend an die aktuellen Gegebenheiten angepasst. «Um das Bewusstsein für die Neobiotaproblematik zu schärfen, setzen wir auf gezielte Informationsmassnahmen. Dazu zählen Beiträge auf kantonalen Social-Media-Kanälen und Neophytenflyer und -poster.» Weiter fördert der Kanton partizipative Ansätze wie das gemeinsame Sammeln von Neophyten, vermittelt Wissen an kostenlosen Neophyten-Artenkenntniskursen und stellt Werkzeuge wie Sammelsäcke zur Verfügung. Diese einfachen Massnahmen werden etwa auch im benachbarten Kanton Bern eingesetzt. Für die Gemeinden setzt der Kanton Aargau Anreize, indem er diese bei der Planung und Durchführung von Bekämpfungseinsätzen auch finanziell unterstützt. Wer bei der Suche von Nestern der Asiatischen Hornisse mithelfen möchte, kann sich als Hornissen- Scout melden.
Einheimisches anpflanzen und Neophyten verhindern
Zweitens soll ein risikobasierter Ansatz verfolgt werden, bei dem Neobiota dort bekämpft werden, wo das Risiko von Schäden besonders hoch ist. Etwa auf Flächen in Naturschutzgebieten oder in der Landwirtschaft. Drittens sieht die neue Strategie vor, Neobiotamanagement-Massnahmen nach ihrer Effizienz zu priorisieren. Dabei liegt der Fokus auf wirksamen, ressourceneffizienten Handlungen – insbesondere auf Prävention und frühzeitiger Bekämpfung. Die vorgeschlagenen Schritte im präventiven Bereich sind breit gefächert. So gilt für einige invasive Neophyten schweizweit ein Umgangsverbot: Jede beabsichtigte Tätigkeit mit der Pflanze – ausser der Bekämpfung – ist verboten. «Als Umgang gelten zum Beispiel das Pflücken und Pflegen sowie alle Formen des Inverkehrbringens », erläutert Belinda Biesuz. Ausserdem besteht seit 2024 für zahlreiche invasive Neophyten ein Inverkehrbringungsverbot. Der Vollzug dieser Bestimmungen durch Zoll- und Marktkontrollen soll verhindern, dass besonders problematische invasive Neophyten in die Umwelt gelangen. Weiter leistet die korrekte Entsorgung dieser Pflanzen einen Teil zur Prävention. So dürfen nicht alle invasive Neophyten kompostiert werden. Sie müssen in einem dichten Sack in die Kerichtverbrennung gegeben werden. Zudem gilt das Verbot der Entsorgung von Grüngut in der Natur.
«Personen mit einem Garten können einen Beitrag zur Prävention leisten, indem sie einheimische Blumen, Sträucher und Bäume anpflanzen», so die Fachfrau und verweist auf den Aargauer Neophytenflyer.
Bund bleibt nicht untätig
Gemäss des vierten Grundsatzes der Strategie ist das Aargauer Neobiotamanagement anpassungsfähig gestaltet, sodass neue Erkenntnisse im Umgang mit Neobiota laufend in Planung und Umsetzung einfliessen können. Stetig tauchen neue Arten auf und es gibt neue Erkenntnisse aus Forschung und Praxis.
Um effektiver gegen invasive gebietsfremde Arten vorgehen zu können, wird derzeit das Umweltschutzgesetz (USG) revidiert. Mittels einer Vernehmlassung soll der Bund dazu verpflichtet werden, invasive Tier- und Pflanzenarten auf eigenen Flächen wie Nationalstrassen, Militärplätzen sowie Flughäfen wirksamer zu bekämpfen. Die grösste Naturschutz- Organisation der Schweiz, Pro Natura, begrüsst die klare Anerkennung der Dringlichkeit dieser Thematik durch den Bund.
Weitere Informationen
Hornissen Scout: bit.ly/helfende
Neophyten-Flyer: bit.ly/flyerAG
Neobiota Aargau: ag.ch/de/themen/umwelt-natur/neobiota
Karte mit Fundmeldungen von Neophyten: neo.infoflora.ch
Bild: Das Einjährige Berufkraut ist in der Schweiz weit verbreitet. Es ist vor allem in extensiven Wiesen und Weiden und Biodiversitätsförderflächen wie Buntbrachen ein Problem. Es bildet dort sehr dichte Bestände und verdrängt andere Pflanzen. Foto: KT Aargau

