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Liest man die Wer­be­af­fi­chen der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter, dann funk­tio­niert der neue Mobil­funk­stan­dard G5 bereits her­vor­ra­gend. Guckt man aber in die Online-Shops sel­bi­ger, ent­deckt man kaum 5G-taug­li­che Geräte. Der Bran­chen­pri­mus aus Cup­er­tino (jener mit dem Obst-Logo) bie­tet selbst im neu­es­ten Gerät keine 5G-Unter­stüt­zung. Wie weit ist es also her mit dem ver­meint­li­chen Kas­sen­schla­ger 5G? Eine Bestan­des­auf­nahme.

Wir haben auf der einen Seite die Mobil­funk-Bran­che, die mit gros­ser Hek­tik die Auf­rüs­tung der Ver­sor­gungs­in­fra­struk­tur vor­an­treibt und mit einer unheim­li­chen Vehe­menz 5G-Nut­zung bewirbt. Auf der ande­ren Seite ste­hen viele Men­schen, die sich vor einer flä­chen­de­cken­den Bestrah­lung fürch­ten, weil sie selbst elek­tro­sen­si­bel sind oder das rasante Tempo der Ein­füh­rung der neuen Tech­no­lo­gie als schäd­lich für Gesell­schaft, Gesund­heit und Umwelt erach­ten. Dass am äus­sers­ten Rand auch noch Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker als 5G-Geg­ner auf­tre­ten, macht es Skep­ti­kern nicht ein­fa­cher, berech­tige, kri­ti­sche Fra­gen zu stel­len.

Der­zeit lau­fen darum die Dis­kus­sio­nen, wie eine nach­hal­tige, gesund­heits­scho­nende Grund­ver­sor­gung aus­se­hen müsste, die den Nut­zen hoher Band­brei­ten in allen Lan­des­tei­len zulässt und damit Inno­va­tio­nen begüns­tigt. Auch eine Arbeits­gruppe des UVEK unter­sucht, mit wel­cher Infra­struk­tur, wel­chen Kos­ten und wel­chen Umwelt­las­ten die Ver­sor­gung im Daten­ver­kehr sicher­ge­stellt wer­den kann und soll. Gerade des­halb ist die Frage berech­tigt, ob das rasante Tempo der Mobil­funk­an­bie­ter tat­säch­lich not­wen­dig ist. Sie setzt vor allem auf die Auf­rüs­tung bestehen­der und dem Bau neuer Anten­nen und ver­weist auf die gros­sen wach­sen­den Daten­men­gen, die über­tra­gen wer­den müss­ten. Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass es vor allem die Unter­hal­tungs­in­dus­trie ist, die das Wachs­tum an Daten­über­tra­gun­gen bestimmt, über drei Vier­tel der Daten­vo­lu­men wer­den heute durch Video‑, Audio- und Social-Net­wor­king-Über­tra­gun­gen bean­sprucht, 2024 wer­den es über 90% sein. Anwen­dun­gen in der Wirt­schaft gibt es noch kaum, und wenn, dann wird vor dem 5G-Netz eine sichere, sta­bile Glas­fa­ser­lei­tung ins Innere der Werk­halle oder des Ate­liers ste­hen, die das interne Netz ver­sorgt.

Die gros­sen Mobil­funk-Anbie­ter bin­den ihre Kun­din­nen und Kun­den lie­ber an ein Mobil­funk­abon­ne­ment, als dass sie in die kabel­ba­sierte Haus­ver­sor­gung inves­tie­ren wür­den – die dann auch von der Kon­kur­renz genutzt wer­den dürfte. Mit Fest­netz­an­schluss lies­sen sich jedoch die Ver­sor­gung (und Strah­lung) durch die Nut­ze­rin­nen und Nut­zer selbst steu­ern, aber auch Filme und Musik lies­sen sich schnell und stö­rungs­frei down­loa­den. In urba­nen Gebie­ten wäre heute eine kabel­ba­sierte Ver­sor­gung, wenn sie nicht schon bereit­steht, mit rela­tiv gerin­gen Zusatz­in­ves­ti­tio­nen erreich­bar. In städ­ti­schen Aus­sen­räu­men lässt sich die Ver­sor­gung auch mit Klein­zel­len-Net­zen schwach­strah­lend sicher­stel­len. Die Stadt St.Gallen beweist dies mit ihrem Infra­struk­tur­kon­zept auf ein­drück­li­che Weise. Das führt zu einer güns­ti­ge­ren Belas­tungs­si­tua­tion, denn je näher sich das das Mobil­funk­ge­rät bei der Anten­nen­an­lage befin­det, desto weni­ger stark müs­sen beide sen­den. Wo sich in länd­li­chen Gebie­ten keine Inves­to­ren für eine Glas­fa­ser­ver­sor­gung fin­den, gilt es Lösun­gen über Auf­la­gen im Grund­ver­sor­gungs­auf­trag oder über Inves­ti­ti­ons­an­reize zu fin­den. Abge­le­gene Gebäude kön­nen sich auch satel­li­ten­ge­stützt ver­sor­gen.

Im 5G-Ver­sor­gungs­kon­zept, z.B. für selbst­fah­rende Autos oder Gesund­heits­mo­ni­to­rings, wird es ein eng­ma­schi­ges Anten­nen­netz brau­chen. Die Bran­che spricht denn auch von 15’000 zusätz­li­chen Anten­nen, damit 5G auch durch gut iso­lierte Mau­ern in Gebäu­de­in­nere strah­len kön­nen. Dabei wird auch die Strah­lung wegen der grös­se­ren Distanz und der Hin­der­nisse umso grös­ser. Bes­ser wäre ein WLAN im Haus, das nur eine ein­zelne Woh­nung ver­sor­gen muss – und das man auch ein- und aus­schal­ten kann. Zynisch sind dann die Aus­sa­gen der Bran­che, es wären nicht die Anten­nen son­dern das Handy am Ohr, das am meis­ten strahle, wenn doch die Anten­nen­in­fra­struk­tur die Strah­len­stärke am Ohr erst pro­vo­ziert.

5G wird kom­men, so oder so – weil die Bran­che gute Ren­di­ten damit erzielt und Nut­ze­rin­nen und Nut­zer bereit sind, für die neuste Errun­gen­schaft ent­spre­chend viel Geld aus­zu­ge­ben. Die Frage stellt sich aber, mit wel­chen Auf­la­gen zur Mobil­funk­fre­quenz­nut­zung der Bund Inves­ti­tio­nen in eine nach­hal­tige Ver­sor­gungs­in­fra­struk­tur för­dern will. Immer­hin wird eine Glas­fa­ser­ver­sor­gung auch noch für die nächs­ten Mobil­funk­ge­nera­tio­nen, die sicher kom­men wer­den, nutz­bar sein. Eine ver­stärkte Tren­nung der Ver­sor­gung von Innen­räu­men und Aus­sen­räu­men würde es Men­schen, die elek­tro­sen­si­bel sind oder Ange­hö­rige mit dem Lei­den haben, eher ermög­li­chen, strah­len­ver­schont zu leben. In einer Publi­ka­tion des BAFU wer­den 5% der Bevöl­ke­rung den elek­tro­sen­si­blen Men­schen zuge­ord­net, andere Län­der gehen von höhe­ren Antei­len aus. Weil Mobil­funk­strah­lung für die Gesund­heit nicht unbe­denk­lich ist, hat sie die WHO von «mög­li­cher­weise» auf «wahr­schein­lich» krebs­er­re­gend auf­ge­stuft. Dazu feh­len ins­be­son­dere bezüg­lich Lang­zeit­wir­kung noch Stu­dien.

Und da gemäss Prä­am­bel der Bun­des­ver­fas­sung «die Stärke des Vol­kes sich misst am Wohl der Schwa­chen», ist eine Rück­sicht­nahme auf die doch einige hun­dert­tau­send Men­schen zäh­lende Min­der­heit ange­bracht – auch wenn es etwas mehr Zeit bean­sprucht und etwas höhere Inves­ti­ti­ons­kos­ten aus­löst.

Fazit der Dis­kus­sion ist des­halb, dass es nicht um «5G – ja oder nein» geht, son­dern um die Art und Weise wie die Infra­struk­tur für die neue Tech­no­lo­gie instal­liert wird, damit Nut­ze­rin­nen und Nut­zern die Mög­lich­keit gege­ben wird, sich im Bedarfs­fall zu schüt­zen. Ob es der Gesell­schaft dient, wenn alle mit allen und alles mit allem kom­mu­ni­ziert, ist dann eine Frage, die dann auch ein­mal noch dis­ku­tiert wer­den darf.

Der Autor

Thomas Hardegger

Tho­mas Har­deg­ger
Vize­prä­si­dent Casafair Schweiz

Aus dem Maga­zin P.S., www.pszeitung.ch



Bildquelle

  • antenna towers pylon clo­seup: LucaLorenzelli/iStock
  • Tho­mas Har­deg­ger: Parlamentsdienste

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