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Wie ent­steht ein Natur­gar­ten?

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Mi, 01.01.2014

«Natur­gär­ten sind Orte, wo Lebens­ge­setze der hei­mi­schen Natur sicht­bar und mit­er­leb­bar wer­den», sagt Natur­gar­ten­ex­perte Peter Richard.Wie legt man ein sol­ches Bio­top an? Ein Gespräch.

Peter Richard, seit mehr als zwan­zig Jah­ren sind Sie im Natur­gar­ten­ge­schäft und ein Pio­nier Ihres Fachs. Wie kamen Sie dazu?

Als Ende der Sieb­zi­ger­jahre der Zeit­geist des Betons und Coto­ne­as­ters vor­herrschte, suchte ich als Land­schafts­gärt­ner nach Alter­na­ti­ven. Ich stiess auf die Natur­gar­ten­idee und begeg­nete Andreas Wink­ler, der damals einen klei­nen Natur­gar­ten­be­trieb hatte. Wir waren ein idea­les Team: Wink­ler befasste sich zu Beginn mit der eher phi­lo­so­phi­schen Seite des Natur­gar­tens, wäh­rend ich vor allem das gärt­ne­ri­sche Know-how ein­brachte.

Neh­men wir an, jemand will einen Natur­gar­ten anle­gen und gelangt an Sie. Was pas­siert?

Wir klä­ren ab, um was für ein Pro­jekt es sich handelt:?Ist es ein alter Gar­ten, han­delt es sich um ein?Reihenhaus, gehö­ren zur Fami­lie auch Kin­der? Anschlies­send besu­che ich die Leute und rede mit ihnen?über ihre Vor­stel­lun­gen, Wün­sche oder Träume. Ich schaue mir den Gar­ten und die Umge­bung an. Am Schluss des Gesprä­ches sind meist zwei, drei Ideen auf dem Tisch. Damit ist das Pro­jekt aber noch nicht umset­zungs­reif? Nein. Wir machen eine genaue Bestan­des­auf­nahme des Gar­tens. Erste Ideen für eine Umge­stal­tung ent­wi­ckeln sich meist schon wäh­rend des Aus­mes­sens. Wenn nötig, besu­che ich die Anlage und deren Umge­bung mehr­mals und prüfe, ob meine Vor­stel­lun­gen stim­mig sind. Das ist ein Pro­zess, der ein bis drei Monate dau­ert. Am Schluss prä­sen­tiere ich meine Ide­en­skizze samt Kos­ten­vor­anschlag, der je nach Grösse des Gar­tens und Ansprü­chen sehr vari­iert.

Geduld ist also bereits in der Pla­nungs­phase gefragt?

Ich emp­fehle der Fami­lie oder dem Paar, diese Zeit für die Besich­ti­gung von bestehen­den Natur­gär­ten zu nut­zen, damit sich ihre Vor­stel­lun­gen kon­kre­ti­sie­ren kön­nen. Ein schö­ner, leben­di­ger Gar­ten kann nur durch gedul­dige Ent­wick­lung ent­ste­hen. Wer diese Zeit nicht auf­brin­gen kann oder will, sollte kei­nen Natur­gar­ten anle­gen.

Ken­nen Ihre Kun­din­nen und Kun­den die Wün­sche, die sie an ihren Natur­gar­ten haben?

Es gibt nur wenige, die genau wis­sen, wel­che Wild­stau­den oder Obst­bäume sie pflan­zen möch­ten. Oft ist es ein­fach die Sehn­sucht nach einem war­men, gebor­ge­nen Platz, der Wunsch nach bestimm­ten Far­ben oder Spiel­mög­lich­kei­ten für Kin­der. Des­halb stelle ich bei Gesprä­chen viele Fra­gen. Je bes­ser ich ihre Bedürf­nisse kenne, desto genauer kann ich den Gar­ten auf die Men­schen abstim­men.

Königs­ker­zen und Mohn sind zum Sym­bol von Natur­gär­ten gewor­den. Haben in einem sol­chen Gar­ten auch Rosen Platz?

Bei mir schon, sofern sie bio­lo­gisch pfleg­bar sind. Auch Gemü­se­beete kön­nen Teil eines Natur­gar­tens sein. Und es müs­sen nicht par­tout alle Pflan­zen im Gar­ten ein­hei­misch sein. Ich bin zur Ein­sicht gekom­men, dass ich mit dem Erfül­len eines Kun­den­wun­sches mehr errei­che, als wenn ich ganz stur und dog­ma­tisch bliebe.

Und was hal­ten Sie von einem Moor­beet mit Rho­do­dend­ren und Aza­leen?

Da mache ich ganz klar nicht mehr mit. Weder bejahe ich im Natur­gar­ten exo­ti­sche Pflan­zen, die nur mit einem Rie­sen­auf­wand erhal­ten wer­den kön­nen, noch sol­che, die ohne Che­mie­pflege nicht aus­kom­men. Aza­leen brau­chen ein Torfbeet.Torf wird aber in Hoch­moo­ren abge­baut, die dadurch zer­stört wer­den.

Sind prak­ti­scher Nut­zen und wilde Natur in einem Gar­ten mit­ein­an­der ver­ein­bar?

Sicher. Der Gar­ten muss so gestal­tet sein, dass Nut­zung und Natur mög­lich sein kön­nen. Ein Kies­platz zum Bei­spiel ist befahr-und begeh­bar, und er ist gleich­zei­tig ein Tro­cken­stand­ort. Tro­cken­mau­ern stüt­zen Böschun­gen und sind zugleich Lebens­raum für spe­zia­li­sierte Pflan­zen- und Tier­ar­ten.

Nach der Pla­nungs­zeit ent­steht aus einem alten Gar­ten ein neuer. Wie reagie­ren Ihre Auf­trag­ge­ber dar­auf?

Zum Zeit­punkt der Aus­füh­rung müs­sen die Leute Abschied neh­men von ihrem alten Gar­ten. Ich bin es gewohnt, sie behut­sam dar­auf vor­zu­be­rei­ten. Die Vor­stel­lung, dass der Bag­ger kommt und alles zer­stört, ist für viele schreck­lich. Die Gemüts­lage erhellt sich dann von Tag zu Tag, wenn der neue Lebens­raum ent­steht. Lieb­ge­wor­dene Blu­men, Sträu­cher oder ein Baum, der zur Geburt eines Kin­des gepflanzt wurde, ver­su­che ich ins neue Kon­zept zu?integrieren.

Wie­viel Pflege braucht ein Natur­gar­ten?

Das hängt in ers­ter Linie von den inne­ren Bil­dern der Gar­ten­be­sit­ze­rin­nen und Gar­ten­be­sit­zer ab.Wer eine grosse Arten­viel­falt erhal­ten will, wird öfter zum Jät­dolch grei­fen müs­sen. Häu­fig biete ich eine Pfle­ge­be­glei­tung für das erste Gar­ten­jahr an. Die Pflege im ers­ten Jahr ist ent­schei­dend. Oft wird zu viel ein­ge­grif­fen, und somit wer­den auch zu viele Pflan­zen ent­fernt.

Kön­nen Sie einige Bei­spiele nen­nen?

Flä­chen mit Wild­stau­den muss man im ers­ten Jahr kon­ven­tio­nell jäten, um die Arten­viel­falt lang­fris­tig erhal­ten zu kön­nen. Hah­nen­fuss, Bla­cken, Win­den und andere Wur­ze­lun­kräu­ter kom­men raus. Sie kon­kur­ren­zie­ren die neuen Pflan­zen zu stark. In den wei­te­ren Jah­ren ent­schei­den die Gar­ten­be­sit­ze­rin­nen selbst, wel­che Arten sich wo und wie stark ver­brei­ten sol­len – «krea­tiv jäten» sagen wir die­ser Arbeit.

Wie brin­gen Sie die Gar­ten­be­sit­ze­rin­nen und Gar­ten­be­sitze dazu, das soge­nannte «Abräu­men» im Win­ter zu las­sen?

Ein über­aus emp­find­li­ches Thema! Ich mache sie auf das Gra­tis­vo­gel­fut­ter, das Samen­stände bie­ten, auf­merk­sam und zeige Bil­der von Pflan­zen, die, mit Rau­h­reif behan­gen, sich reiz­voll prä­sen­tie­ren. Statt das Grün­gut zu häck­seln, emp­fehle ich, einen krea­ti­ven Ast­hau­fen anzu­le­gen.

Was leis­ten Natur­gär­ten?

In ers­ter Linie ist der Gar­ten ein Lebens­raum für Men­schen, die darin woh­nen. Natur­er­leb­nisse im eige­nen Gar­ten und das Arbei­ten mit der natür­li­chen Dyna­mik för­dern das Ver­ständ­nis für Natur­zu­sam­men­hänge. Das führt hof­fent­lich dazu, dass Men­schen, die einen Natur­gar­ten bewoh­nen, für ihre Umwelt sen­si­bler und sich dafür öffent­lich enga­gie­ren wer­den.


Peter Richard ist Inha­ber eines Natur­gar­ten-Fach­be­trie­bes in Wängi TG
Infor­ma­tion: «Leben­dige Natur­gär­ten», gebun­den, 205 S., AT Ver­lag 2002, www.gartenland.ch

Die Autorin

Doris Gua­risco
Bio­terra

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