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Individuell wohnen im Mehrfamilienhaus

Verdichtung heisst das Zauberwort im Kampf gegen die Zersiedelung. Doch es soll nicht nur dichter gebaut, sondern auch dichter gewohnt werden. In Einfamilienhauszonen weisen etwa neue und klug gebaute Mehrfamilienhäuser den Weg : Sie beherbergen auf gleich viel Boden mehr Bewohner.

Verdichten hat viele Gesichter. Sechs- und siebenstöckige Neubauten in urbanen Zentren sind heute schon fast eine Normalität. Das war nicht immer so. Ins Fadenkreuz der Verdichter geraten jedoch auch vermehrt suburbane Einfamilienhauszonen. Denn Fakt ist : In bestehenden Einfamilienhäusern liegt ein grosses Potenzial brach. Rund jedes sechste Einfamilienhaus wird heute nur von einer Person bewohnt ; 2035 wird es gemäss Studien sogar jedes dritte Haus sein, in dem nur eine oder zwei Personen wohnen. Eine Folge der schlechten Ausnutzung ist die Überalterung ganzer Quartiere. Infrastrukturen wie Schulen, Kindergärten, Turnhallen werden nicht mehr richtig genutzt und somit auch schlecht erhalten.

«Das Einfamilienhaus sehe ich heute als Lebensabschnittsmodell» , sagt die Architektin Amelie Mayer ( siehe Interview, S. 7 ) . In der Realität bleiben jedoch viele Eltern in ihrem Haus wohnen, auch wenn die Kinder längst ausgezogen sind und die gross zügigen Innen- und Aussenräume nicht mehr nur Freude, sondern viel Arbeit und Mühe machen. « Wenn eine energetische Sanierung ansteht, wäre dies eigentlich der Moment, sich Gedanken über einen Anoder Umbau zu machen » , sagt auch Tilman Rösler, Architekt und Vorstandsmitglied des Hausvereins Schweiz. Beispielsweise, eine Einlegerwohnung ein- oder ein Gebäude zum Mehrfamilienwohnhaus umzubauen. Trotzdem verpassen viele diesen Zeitpunkt. Grund : Das Einfamilienhaus symbolisiert immer noch höchste, individuelle Wohnqualität. Kein Wunder, dass fast drei Viertel der Neubauten seit 2000 Einfamilienhäuser sind.

Mit ihrem Projekt « Transfer von Wohnqualitäten vom Einfamilienhaus auf das Mehrfamilienhaus » will Mayer Planer, Gemeinden und Privatpersonen für das Miteigentum sensibilisieren. Denn wenn man richtig plant, kann auch das Mehrfamilienhaus einfamilienhausartige Wohnqualitäten aufweisen, so Mayer. Zentrale Faktoren, die berücksichtigt werden müssen, seien etwa Privatsphäre, Schallschutz und eigene ( ebenerdige ) Aussengrünflächen.

Der grüne Aussenraum war auch im Fall von Barbara Jäggin und Bernhard Sprenger ein wichtiger Grund, um für sich und ihre beiden Kinder Charlotte ( 11 ) und Jakob ( 8 ) nach einem Grundstück Ausschau zu halten. Dass es ein Miteigentum sein sollte, war von Beginn weg klar ; je nach Grundstücksgrösse mit einer oder zwei anderen Familien zusammen. Nur so wäre ein Bauprojekt finanziell zu bewältigen. Doch auch soziale Gründe standen im Raum. Mit der Zeit könnten vielleicht Synergien, etwa gegenseitiges Kinderhüten oder ein gemeinsamer Mittagstisch, entstehen.

Drei Boxen unter einem Dach

Als die Familie im Frühling 2010 den Zuschlag für das Grundstück in Zürich-Altstetten erhielt, hatte Architekt und Projektentwickler Bernhard Sprenger das Konzept schnell zu Faden geschlagen : drei Hausboxen unter einem Dach, jede mit direktem Zugang nach draussen. Die Lösung, den Altbau zu erweitern, wurde schnell verworfen, weil die Bausubstanz in schlechtem baulichem Zustand war. Als Initiant entwickelte er jedoch lediglich den Skelettbau ( Fassade, Wohnungstrennwände und -decken ) . Die Innenraum aufteilung sollte jede Partei selbst bestimmen, um so das individuelle Wohnen, aber auch die Kosten möglichst mitsteuern zu können. Die erste interessierte Familie fürs Mitbauen war nach kurzer Zeit im Freundeskreis gefunden ; der Familienvater ebenfalls ein Architekt. Die dritte Partei kam via Homegate dazu : ein junges Paar mit Kind und einem zweiten unterwegs, sie ebenfalls Architektin.

Die drei Architekten fanden sich bald zu einem effizienten Team zusammen und entwickelten das Haus als Arge. Die Ausführung übertrugen sie einem Generalplaner. Die erste Idee der Hausboxen wurde verfeinert : Alle drei Wohnungen sind heute als Split-Level ausgebildet. « Trotz weniger Quadratmeter haben wir so das Gefühl, sehr grosszügig zu wohnen » , sagt Bernhard Sprenger. Viel Zeit floss in die Über legung ein, wie eine Familie über 20 Jahre funktioniert. Dafür versuchte Bernhard Sprenger, Flexibilität in den Grundriss einzubringen : Heute sind alle Schlafzimmer in seiner Wohnung ungefähr gleich gross ; zudem sind zwei identisch grosse Badezimmer vorhanden. Der Hausteil würde also auch für eine WG funktionieren.

Andere Kriterien aus Mayers Katalog sind an der Erlenstrasse 3 ebenfalls umgesetzt : Alle drei Wohnungen haben ihren eigenen, privaten Zugang zur Wohnung. Auch der Schallschutz ist gewährleistet. « Bei den Nachbarn nebenan sehen oder hören wir nie, ob sie zu Hause sind oder nicht » , berichtet Barbara Jäggin. « Nur von oben vernehmen wir manchmal die Kinder, wenn sie in der Nacht weinen. » Jede Partei hat Zugang zu grosszügigen Aussenflächen : die beiden unteren Wohnungen zu je einer Gartenhälfte, die Maisonette zu einer grossen Dachterrasse. Alle Wohnungen haben Ausblick in drei oder vier Himmels richtungen ; ein weiterer Beitrag an das grosszügige Wohngefühl. Und Stauraum ist im Keller für jede Familie ausreichend vorhanden, lediglich den Technikraum teilen sie sich.

Junges Leben im überalterten Quartier

Natürlich bedeutet das gemeinsame, partnerschaftliche Bauen, dass man bereit sein muss für Kompromisse. « Wir haben früh gelernt, dies zu akzeptieren » , so Bernhard Sprenger, « sonst hätte das nicht funktioniert.» Seine Familie hat beispielsweise ein paar Quadratmeter Wohnfläche geopfert. Nur so konnte im Treppenhaus der Maisonette-Wohnung Platz für Kinderwagen geschaffen werden. Die drei Familien bilden heute eine Stockwerkeigentümergemeinschaft. Die Verwaltung besorgen sie selbst ; dabei hat wiederum jede Partei eine Aufgabe übernommen. Der Vorgängerbau, Baujahr 1939, stand in einer Reihe von identischen Einfamilienhäusern. Was sagen die Quartierbewohner zum neuen « Block » in der Reihe ? – « Zu Beginn haben wir über einen Kontakt im Quartier erfahren, dass viele Nachbarn das Volumen zu gross finden » , erzählt Sprenger. Dabei ist der Neubau nicht höher oder breiter als das vorherige Gebäude ; lediglich in der Tiefe wurde Raum dazugewonnen. Einsprachen gab es wider Erwarten dennoch keine. Und beim Einweihungsapéro waren alle umliegenden Nachbarn anwesend und feierten mit. Besonders gross ist offenbar die Freude über das junge Leben im bis anhin überalterten Quartier.

Marion Elmer

Marion Elmer

Aus «casanostra» 123

casanostra 123 - Februar 2014

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