Schliessen

Casafair Logo

Wir sor­gen vor, pla­nen, den­ken vor­aus, äuf­nen eine dritte Säule; bloss beim eige­nen Zuhause – der mit­un­ter wich­tigs­ten Inves­ti­tion im Leben – geht der Vor­sor­ge­ge­danke häu­fig ver­ges­sen. Oft wer­den Woh­nun­gen gekauft oder Häu­ser gebaut, wel­che spä­ter zum Bume­rang wer­den. Das müsste nicht sein.

Die meis­ten Men­schen sind irgend­wann in ihrem Leben zeit­wei­lig han­di­ca­piert: Nach dem Bein­bruch ist der Bade­wan­nen­rand ein schier unüber­wind­ba­res Hin­der­nis; bricht man sich den Arm, wird gar das lapi­dare Bin­den der Schuhe zur Her­aus­for­de­rung, an wel­cher manch einer gran­dios schei­tert. Nach ein paar Wochen jedoch ist der Kno­chen heil und der Gedanke an die Unzu­läng­lich­kei­ten des Kör­pers sowie des­sen Gebrech­lich­keit ver­flo­gen.

Dabei ist diese Lebens­er­fah­rung All­tag für nicht wenige: In der Schweiz leben gemäss Zah­len des Bun­des­amts für Sta­tis­tik BFS über 1,8 Mil­lio­nen Men­schen mit einer Behin­de­rung – 484 000 davon mit einer star­ken Beein­träch­ti­gung. Für sehr viele die­ser Men­schen sind auch die paar weni­gen Trep­pen­stu­fen zur Hoch­par­terre­woh­nung ein Hin­der­nis; die hohen Küchen- und Ein­bau­schränke kein Gewinn.

Aber auch im Alter tau­chen andere Ansprü­che an die Woh­nung auf. Und die Gruppe wächst: Ende letz­ten Jah­res leb­ten gemäss BFS in der Schweiz 1,1 Mil­lio­nen über 65-Jäh­rige – davon fast ein Drit­tel über 80-Jäh­rige. Auch sie pro­fi­tie­ren, wenn Archi­tek­ten, Pla­ner und Bau­her­ren an mehr Even­tua­li­tä­ten den­ken, als die Gegen­wart dies her­gibt. «Ich glaube, es hat zum Teil auch mit feh­len­dem Bewusst­sein zu tun, dass das Thema ‹Bar­rie­re­frei­heit› immer noch viel zu wenig in die Pla­nung mit ein­be­zo­gen wird», mut­masst San­dra Remund, Vor­stands­mit­glied des Hausvereins Zen­tral­schweiz. Sie und ihr Team der Archi­tek­tur-Firma Alter­via GmbH haben sich auf die Ent­wick­lung von Lebens­räu­men für älter wer­dende Men­schen spe­zia­li­siert. «Mit einem Umden­ken und dem Los­las­sen von aus­schliess­lich design-gesteu­er­ten Vor­stel­lun­gen wäre schon viel gewon­nen.»

Die klei­nen gros­sen Hür­den

Oft stol­per­ten gerade ältere Men­schen über Klei­nig­kei­ten. Etwa in der Küche, wo heute häu­fig Herde mit Berüh­rungs­sen­so­ren ein­ge­baut wer­den. Ein Pro­blem, wenn ob zuneh­men­der Alters­sich­tig­keit die klei­nen digi­ta­len Zif­fern nicht mehr erkannt wer­den: «Zudem nimmt die sen­so­ri­sche Fähig­keit ab und das Bedie­nen mit dem Fin­ger wird zum Pro­blem. Die Kon­se­quenz für diese Per­son ist, dass sie nicht mehr sel­ber kochen kann, obwohl sie dazu mit einem ande­ren Herd durch­aus noch in der Lage wäre.»

Auch Men­schen mit Behin­de­rung schei­tern häu­fig an klei­nen Din­gen, wel­che eine grosse Hürde dar­stel­len: die Höhe der Son­ne­rie, der Gegen­sprech­an­lage, der Brief­käs­ten. Wei­ter geht in der Pla­nung ab und an die Bedien­bar­keit von Türen und der unge­hin­derte Zugang zu Ein­stell­hal­len oder zu wich­ti­gen Neben­räu­men wie Kel­ler und Wasch­kü­che ver­ges­sen, wie Nicole Woog, Archi­tek­tin und Lei­te­rin der Koor­di­na­ti­ons­stelle Bauen und Umwelt der Pro Infir­mis bemän­gelt: «Stu­fen und Schwel­len kön­nen ganze Gebäu­de­teile für Men­schen im Roll­stuhl unzu­gäng­lich machen und sie aus­schlies­sen. Dies wäre ein­fach zu ver­mei­den.» Bar­rie­re­frei zu bauen, ist über­dies kein Stör­fak­tor für Per­so­nen ohne Han­di­cap. Im Gegen­teil: Die hin­der­nis­freie Bau­weise ver­bes­sere die Benutz­bar­keit des Gebäu­des und den Kom­fort für alle Benut­zer: «Es pro­fi­tie­ren ältere Men­schen, Per­so­nen mit klei­nen Kin­dern und Kin­der­wa­gen, mit Rei­se­ge­päck oder schwe­ren Ein­käu­fen und sie erleich­tert den Ein- und Aus­zug. Die hin­der­nis­freie Bau­weise ist somit ein Mehr­wert für die gesamte Gesell­schaft.» Einer, der sich über­dies aus­zahle, meint San­dra Remund: «Wenn die eigene Woh­nung es erlaubt, so lange wie mög­lich selb­stän­dig zu leben, kann manch ein früh­zei­ti­ger Umzug in eine sta­tio­näre Ein­rich­tung ver­hin­dert wer­den.»

Noch Luft nach oben

Die Situa­tion und die Denk­weise habe sich frei­lich in den letz­ten Jah­ren deut­lich ver­bes­sert. Seit Inkraft­tre­ten des Behin­der­ten­gleich­stel­lungs­ge­set­zes 2004 und der SIA-Norm 500, wel­che das hin­der­nis­freie Bauen vor­schreibt, ist das Thema bei der Pla­nung stär­ker prä­sent.

Bei öffent­li­chen Gebäu­den sei die Hin­der­nis­frei­heit seit­her weit fort­ge­schrit­ten. «Im Woh­nungs­bau hin­ge­gen hapert es noch», sagt SP-Stän­de­rä­tin Pas­cale Bru­de­rer, Prä­si­den­tin des Dach­ver­bands der Behin­der­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen Inclu­sion Han­di­cap: «Vor allem ältere Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser sind für Men­schen mit Behin­de­rung oft ein Pro­blem. Es gibt viel zu wenig Woh­nun­gen, die behin­der­ten­ge­recht gestal­tet sind.» Immer­hin habe sich die Situa­tion bei neu erstell­ten Miet­häu­sern ver­bes­sert.

Dabei sei der Bau von bar­rie­re­freien Woh­nun­gen nicht pri­mär eine Kos­ten­frage: Neu­bau­ten hin­der­nis­frei zu erstel­len, mache auf der Kos­ten­seite ein Plus von etwa 2,6 Pro­zent aus, erläu­tert Nicole Woog: «Je frü­her die hin­der­nis­freie Bau­weise im Pla­nungs­pro­zess mit ein­be­zo­gen ist, desto güns­ti­ger wird sie.» Auf­wen­di­ger sind Anpas­sun­gen von älte­ren Gebäu­den: Durch­schnitt­lich beträgt der Mehr­auf­wand bei Umbau­ten 5,9 Pro­zent. Es könne auch Aus­reis­ser nach oben geben, räumt Pas­cale Bru­de­rer ein: «Die Abklä­run­gen loh­nen sich immer. Auch wenn es ver­ein­zelt Fälle gibt, in denen sich ein behin­der­ten­ge­rech­ter Umbau auf­grund feh­len­der Ver­hält­nis­mäs­sig­keit schlicht nicht umset­zen lässt.» Rich­tig kom­pli­ziert kann es zudem wer­den, wenn ein Gebäude unter Denk­mal­schutz steht.

Bau­herr­schaf­ten sen­si­bi­li­sie­ren

Dass Archi­tek­tin­nen und Bau­pla­ner ver­mehrt an Hin­der­nis­frei­heit den­ken, ist gut. Warum jedoch ist die Fra­ge­stel­lung bei der Bau­herr­schaft so wenig prä­sent? Oft werde die Mög­lich­keit eines schwe­ren Han­di­caps aus­ge­schlos­sen und das eigene Altern ver­drängt: «Wer nicht sel­ber bereits direkt oder indi­rekt betrof­fen ist, schenkt dem Thema wenig Auf­merk­sam­keit », stellt Bru­de­rer fest. Dabei ist doch ganz beson­ders im Alter ein Weg­zug aus der lieb­ge­won­ne­nen Umge­bung eine mar­kante Zäsur; eine grosse Belas­tung noch dazu. Die Betrof­fen­heit im eige­nen Umfeld könne jedoch zum Umden­ken bewe­gen, sagt Archi­tek­tin San­dra Remund: «Ich mache die Erfah­rung, dass Men­schen, wel­che sich gerade mit der Gebrech­lich­keit der eige­nen Eltern aus­ein­an­der­zu­set­zen haben, sich des Pro­blems plötz­lich bewusst wer­den. Dass ein feh­len­der Hand­lauf oder ein Tür­schlies­ser dazu füh­ren kön­nen, dass eine fra­gile Per­son das Haus nicht mehr ver­las­sen kann.»

Das Behin­der­ten­gleich­stel­lungs­ge­setz ver­langt, dass Wohn­bau­ten mit mehr als 8 Wohn­ein­hei­ten hin­der­nis­frei gebaut wer­den müs­sen. Für Pro Infir­mis ist die­ser Grenz­wert zu hoch ange­setzt, hält Nicole Woog dage­gen: «Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser mit so vie­len Woh­nun­gen sind fast nur in den grös­se­ren Zen­tren zu fin­den. Idea­ler­weise wür­den Wohn­bau­ten ab 4 Woh­nun­gen hin­der­nis­frei gebaut.» Immer­hin seien die Kan­tone frei, den vom Bund vor­ge­schrie­be­nen Grenz­wert zu unter­schrei­ten. So müs­sen etwa in den Kan­to­nen Basel-Stadt und Genf neu bewil­ligte Wohn­bau­ten ab 2 Ein­hei­ten hin­der­nis­frei sein. Mit den kan­to­na­len Geset­zes­re­vi­sio­nen ver­bes­ser­ten sich die Anfor­de­run­gen aber lau­fend, ergänzt Woog.

Das Boh­ren dicker Bret­ter

Dass die Vor­ga­ben des Bun­des der­einst wei­ter ver­schärft wer­den, unter­stützt auch Stän­de­rä­tin Pas­cale Bru­de­rer. Immer­hin habe die Schweiz die Uno-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­tion rati­fi­ziert – sei aber in deren Erfül­lung im Rück­stand: «Es hat sich eini­ges getan, wir haben aber noch zu viele Defi­zite in der Gleich­stel­lung von behin­der­ten Men­schen. Wir leis­ten sehr viel Über­zeu­gungs­ar­beit im Depar­te­ment des Innern.» Die Frage des gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Woh­nungs­an­ge­bots für Men­schen mit Han­di­cap müsse unbe­dingt wei­ter dis­ku­tiert wer­den.

Der Autor

Andreas Käsermann

Andreas Käser­mann
Redak­tor «casanostra», Ver­ant­wort­li­cher Kom­mu­ni­ka­tion Cas­a­fair Schweiz

Aus «casanostra» 143

Hin­der­nisse selbst im Bun­des­haus

Kuppelhalle im Bundeshaus

Wie wenig sen­si­bi­li­siert die Schwei­zer Poli­tik hin­sicht­lich Bar­rie­re­frei­heit lange Zeit war, zeigt auch die Tat­sa­che, dass das Bun­des­haus fast neun­zig Jahre lang nicht roll­stuhl­gän­gig war.

Erst 1991 sah sich Bun­des­bern mit der dama­li­gen Wahl des unlängst ver­stor­be­nen Marc F. Suter (FDP/BE) in den Natio­nal­rat mit einem ernst­haf­ten Pro­blem kon­fron­tiert: Der quer­schnitt­ge­lähmte Natio­nal­rat Suter konnte nicht durch die übli­che Pforte in den Rats­saal und in die Sit­zungs­zim­mer gelan­gen.

In aller Eile wur­den meh­rere Trep­pen­lifte in Auf­trag gege­ben, die jedoch bei der ers­ten Ses­sion Suters noch nicht mon­tiert waren. Marc F. Suter musste aus die­sem Grunde wäh­rend sei­nen ers­ten Tagen im Amt noch über einen Lie­fe­ran­ten­ein­gang ins Bun­des­haus gelan­gen.

Ganz hin­der­nis­frei ist das denk­mal­ge­schützte Bun­des­haus übri­gens auch heute nicht: Das offi­zi­elle Red­ner­pult der gros­sen Kam­mer ist für den eben­falls an den Roll­stuhl gebun­de­nen Natio­nal­rat Chris­tian Lohr (CVP/TG) uner­reich­bar. Seine Voten hält Lohr darum jeweils im Halb­rund vor dem Rats­kol­le­gium.

Werbung